Zum Nachlesen: Rede von C. Penzlin zum OdF Gedenktag im September

- Liebe Rostockerinnen und Rostocker, es ist nun 2 Wochen her, dass wir in Lichtenhagen an die Ereignisse von 1992 erinnert haben, als der rassistische Mob mit Molotow-Cocktails ein Haus in Brand setzte, in dem sich Menschen befanden, die nur mit viel Glück dem Tode entronnen sind

- ich fand es sehr beeindruckend, was Bürger dieser Stadt  vor 2 Wochen gemeinsam mit Migrantinnen und Migranten auf die Beine gestellt haben; es war ein sehr schönes Fest vor dem Sonnenblumenhaus

- wenn wir ehrlich sind, dürfen wir aber auch nicht verschweigen, dass nur wenige Bürger aus Lichtenhagen ihren Weg zu diesem Fest gefunden haben

- viele Bürger fragen sich, warum sie sich immer noch mit diesem Thema beschäftigen müssen, es ist doch schon 25 Jahre her

- viele Menschen möchten nicht mehr an die Bilder von 1992 erinnert werden, vielleicht aus Scham darüber, damals nicht die Stimme gegen den Pogrom erhoben zu haben

- das kennen wir aus der Geschichte, auch das Gedenken an die Opfer des NS erschien vielen Deutschen als Zumutung, weil die Erinnerung immer mit der unausgesprochenen Frage verknüpft war: Was hast Du damals getan, als die Demokratie abgeschafft wurde, als Andersdenkende in Konzentrationslager verschleppt wurden, als jüdische Nachbarn entrechtet und schließlich ermordet wurden, als die Wehrmacht die deutschen Nachbarn überfiel

- natürlich kann man Lichtenhagen und Drittes Reich nicht gleichsetzen, aber es zeigt sich, wie groß der Wunsch vieler Menschen nach einem Schlussstrich ist

- vor wenigen Tagen wurde in Neubrandenburg die Einstellung des Prozesses gegen einen SS-Sanitäter aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau beantragt

- einige Mitbürger nahmen dies mit Erleichterung zur Kenntnis, und auch hier tauchte die Frage auf: was soll das noch? Es ist doch so lange her! Einmal muss doch Schluss sein!



- wir müssen also die Frage beantworten, warum es immer noch notwendig ist, an die Schatten der Vergangenheit zu erinnern

- natürlich sind wir es den Opfern schuldig, ihrer zu gedenken und sie für ihren heldenhaften Widerstand zu ehren

- aber das alleine kann es nicht sein, es geht auch darum, dass sich Geschichte nicht wiederholt

- deshalb sind wir heute hier versammelt, um uns dem Vergessen entgegenzustellen, um das Bewusstsein dafür wachzuhalten, dass 1945 zwar das 3. Reich ein Ende fand, aber seine Ideologie in vielen Köpfen bis zum heutigen Tag weiterspukt

- einige Bürger vertreten die Ansicht, die Ereignisse von Lichtenhagen 1992 könnten sich heute nicht wiederholen

- das sehe ich anders, und die zahllosen Angriffe auf Flüchtlingsheime in den vergangenen 2 Jahren bestätigen mich in dieser Skepsis

- Geschichte kann sich eben doch wiederholen, wenn die Bedingungen dafür erfüllt sind

- wir erleben seit 2-3 Jahren eine dramatisch zunehmende Spaltung in der Gesellschaft, viele Menschen stehen sich unversöhnlich gegenüber, es wird Hass gegen gesellschaftliche Gruppen geschürt, die Demokratie und ihre Vertreter werden verächtlich gemacht

- das erinnert an die Spätphase der Weimarer Republik, als die Gesellschaft durch die Wirtschaftskrise erschüttert wurde

- das Ergebnis damals war die Abschaffung von Freiheit und Demokratie

- die Demokratie ist heute sehr viel stärker als damals, aber wir müssen auf der Hut sein

- wer bisher nicht glauben wollte, wie groß die Gefahr für uns alle ist, wurde in den vergangenen 2 Wochen eines Besseren belehrt; nicht irgendwo, sondern wieder mitten unter uns in Rostock

- wir wissen nicht, wie groß die Dimensionen sind; gibt es rechtsextreme Netzwerke, die unseren Staat und seine Institutionen unterwandert haben? Gibt es Todeslisten, auf denen die Namen linker Politiker stehen?

- nun lesen wir in der Presse: Es ist alles gar nicht so schlimm, Todeslisten gebe es nicht

- können wir uns nun beruhigt zurücklehnen?

- der NSU-Prozess hat uns gelehrt, was in DT möglich ist und welche Folgen Untätigkeit gegen rechten Extremismus haben kann; müssen erst wieder Menschen sterben, bevor wir aufwachen?

- diese Gesellschaft ist viel zu nachsichtig mit ihren Feinden: Wie kann es sein, dass in Dresden ein AfD-Mitglied als Richter Urteile gegen linke Aktivisten fällt; wie kann es sein, dass ein AfD-Hetzer in Greifswald als Professor junge Menschen unterrichten und fürs Leben prägen darf?

- in 2 Wochen wird gewählt; ich wünsche mir sehr, dass die Menschen den Feinden der Demokratie eine Absage erteilen, es gibt eine große Auswahl im demokratischen Spektrum, da ist für jeden was dabei

- ja, die Unterschiede zwischen den Parteien sind groß, sie trennt vieles, aber sie vereint hoffentlich die Sorge um die Demokratie

- wir sollten uns an die Spätphase der Weimarer Republik erinnern, damals gelang es nicht, eine Allianz gegen den Aufstieg der NSDAP zu schmieden

- es gab auch nach 1933 nie eine einheitliche Widerstandsbewegung gegen den NS; jede Gruppe kämpfte für sich allein, unter großen Opfern und letztlich vergebens, denn erst der verlorene Krieg beendete die Gewaltherrschaft der Nazis

- dieser Fehler darf nicht wiederholt werden

- wir müssen gemeinsam für eine Welt ohne Hass und Gewalt kämpfen und überall dort Offenheit und Toleranz verteidigen, wo sie in Gefahr sind, wir müssen immer wieder deutlich machen, wo die Mehrheit steht

- das ist ein täglicher Kampf, der niemals ganz zu gewinnen ist, und trotzdem dürfen wir nie aufhören, diesen Kampf zu führen

- wir müssen gemeinsam die rechtsextremen Kräfte isolieren; es darf nicht sein, dass man sagt, wir müssen die AfD als politischen Faktor akzeptieren, weil sie in die Parlamente gewählt wurde

- viele Bürger verstehen nicht, dass man z.B. vor Ort, in der Kommune, in Sachfragen mit der AfD nicht zusammenarbeiten will

- erinnern wir die Menschen daran, was Holger Arppe formuliert hat: (Zitat) "Wir müssen ganz friedlich und überlegt vorgehen, uns gegebenenfalls anpassen und dem Gegner Honig ums Maul schmieren, aber wenn wir endlich soweit sind, dann stellen wir sie alle an die Wand." (Zitat Ende)

- man muss diesem Mann eigentlich dafür dankbar sein, dass er offen aussprach, was viele seiner Kameraden denken

- Gewaltphantasien sind in der AfD allgegenwärtig, werden jetzt im Wahlkampf auch öffentlich geäußert

- es ist nur eine Frage der Zeit, bis aus Worten Taten werden, bis es vielleicht tatsächlich Todeslisten gibt, die dann abgearbeitet werden

- das kennen wir doch aus der Geschichte und dessen sollte sich jeder bewusst sein, der in der AfD nur eine Partei wie jede andere sehen will

- und noch eine Parallele zum Aufstieg der NSDAP fällt auf: Adolf Hitler wäre ohne die Unterstützung bestimmter Kreise eine Fußnote der Geschichte geblieben

- viele haben gedacht, man könne die Nazis für ihre Zwecke benutzen und dann ausschalten; ein bitterer Irrtum mit bösen Folgen

- wer heute den Schulterschluss mit den Rechtsextremen sucht, um politische Ziele durchzusetzen, bereitet ihnen den Weg

- man wird die Demokratie nicht retten, indem man mit ihren Gegnern zusammenarbeitet oder ihre Forderungen übernimmt

- wir werden die Demokratie nur retten, wenn wir zusammen eine starke Zivilgesellschaft bilden, ein Bollwerk gegen Hass und Gewalt

- ein Bollwerk auch gegen das Verdrängen und Vergessen, denn die Geschichte muss im Umgang mit der AfD unser Lehrmeister sein

- ich weiß, dass ich Euch nicht überzeugen muss, aber wir müssen jene überzeugen, die nicht an solchen Gedenkveranstaltungen teilnehmen; das ist viel Arbeit, aber uns bleibt keine Wahl

- vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit

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