Nachruf auf Erich Hillert

Das langjährige Mitglied der VVN BdA BO Rostock, Erich Hillert, ist am 12.10.2015 verstorben und wird am 3.11.2015 14:00 Uhr auf dem Neuen Friedhof in Rostock beigesetzt.

Jürgen Weise hat einen biographischen Bericht über Erich Hillert zusammengestellt:

Aus dem Leben eines Antifaschisten

Auf den Tag genau 2 Monate vor seinem 92. Geburtstag ist das Mitglied von VVN-BdA Rostock, Erich Hillert,verstorben. Er war der letzte in MV noch lebende Angehörige vom „Nationalkommitee Freies Deutschland“ und hat an der Seite der sowjetischen Armee unter Einsatz seines Lebens aktiv gegen die Nazis und für die Befreiung Deutschlands vom Faschismus gekämpft.
Seine Biographie ist ein Spiegelbild des Zeitgeschehens, wie man es in der heutigen offiziellen Geschichtsschreibung – leider – kaum zu lesen bekommt.
Erich Hillert war ein Arbeiterjunge, geboren am 12.12.1923 im damaligen niederschlesischen Drossen als Sohn eines sozialdemokratischen Maurers und einer Verkäuferin und erlernte den Beruf eines Bau- und Möbeltischlers. Er war gerade mal 9 Jahre alt, als die Nazis in Deutschland die Macht erhielten und noch keine 19, als sie ihn „zu den Waffen holten“ – zunächst im Oktober 1941 zum „Reichsarbeitsdienst“ auf dem Flugplatz Jagel in Schleswig-Holstein und dann am 12.03.1942 in die Wehrmacht und ab Anfang Juni 1942 zum Einsatz an der „Ostfront“.
Er konnte aber – wie Konrad Wolf auch – sagen „Ich war Neunzehn“, als er am 12 .02. 1943 bei einem sogenannten „Stoßtruppunternehmen“ in sowjetische Kriegsgfangenschaft geriet.

Nach eigener Aussage prägten drei für ihn besondere Ereignisse sein weiteres Leben und ließen ihn zum bewußten und aktiven Antifaschisten werden. Das waren zuerst die persönlichen Erlebnisse der Zerstörungen, der Verbrechen und des Elends und Leidens, die mit dem Krieg gegen die Sowjetunion von der Wehrmacht über Land und Leute gebracht wurden. Fast noch größere Spuren hinter- ließ bei ihm das Platzen der Propagandalüge der Nazis, nach der die „bolschewistischen Untermen- schen, die man als Feinde der Menschheit und insbesondere der nordisch- arischen Rasse vernichten müsse, keine Gefangenen machen, sondern Jeden, der ihnen in die Hände fiele, töten würden.“

Erich Hillert wurde weder erschossen noch erhängt, sondern befragt und dann in das Kriegsgefangenensammellager 41 nach Ostaschkowo, gelegen zwischen Moskau und dem damaligen Leningrad, überführt. Dort wurde er zunächst unter medizinischer Betreuung, wie er es selbst formulierte „aufgepäppelt“, da er gesundheitlich angeschlagen und ziemlich abgemagert war und dann auf Grund seiner beruflichen Ausbildung als Brigadier der Zimmerleute und Tischler eingesetzt. Aus zusammengetragenem und auch angeliefertem Material wurden u.a. Möbel und Betten für ein nahegelegenes Heim für Kriegskinder und -waisen gebaut.
Am stärksten beeindruckten ihn aber die Begegnungen und die Zusammenarbeit mit anderen Antifaschisten, die ihm Wissen und Erkenntnisse vermittelten über die Ursachen und Hintergründe des Krieges und andere gesellschaftliche Zusammhänge. Am 3. Juli 1943 wurde in Krasnogorsk das Nationalkommitee Freies Deutschland NKFD gegründet. Seine Mitglieder hatten u.a. den Auftrag, in den Kriegsgefangenenlagern Gespräche zu führen zur Bildung von Antifagruppen und zur Ge- winnung von Soldaten zum Besuch von Antifa-Schulen in Vorbereitung auf spätere Aufklärungs- einsätze an der Front an der Seite der Roten Armee zur schnelleren Beendigung des Krieges und der Zerschlagung des Faschismus.
Auch Erich Hillert bekam Kontakt zu ihnen, als einer der NKFD-Leute sich bei ihm in der Tisch- lerei Rat und Hilfe holte für die Reparatur seines Xylophons.Erich beteiligte sich an der Arbeit der Antifa-Gruppe, nahm an Schulungen teil und willigte schließlich Ende 1943 ein in den Besuch der Antifaschule der 2. Baltischen Front in Chimino in der Nähe von Welikie Luki.
Anfang Juni 1944 erfolgte nach Beendigung des Lehrgangs seine Verlegung an die Front, zusammen mit 47 anderen Deutschen, sowjetischen Funkern und Technikern und drei Offizieren der Roten Armee.Ihre Hauptaufgfabe bestand darin, hinter der Front mit Grabenlautsprechern Aufrufe des NKFD zu verlesen, Wehrmachtseinheiten zum Niederlegen der Waffen und zum Überlaufen zu bewegen, aber auch vor der Front zusammen mit Partisanen Aufklärungsarbeit zu leisten. Den Sendungen, Apellen und Aufrufen wurde meist ungestört zugehört; erst am Ende gab es ab und zu Gra-
natwerferbeschuß seitens der Wehrmacht; aber auch andere Gefechte blieben bei Zusammenstößen nicht aus. (Anläßlich des 35.Jahrestages der Befreiung Deutschlands von der Hitlerbarbarei veröffentlichte der Journalist Frank Schumann in „Junge Welt“ bereits 1980 unter der Überschrift „Kampfgefährten des Sieges“ einen Tatsachenbericht über ein solches Gefecht, an dem auch Erich Hillert beteiligt war). Erich Hillert kam nach verschiedenen weiteren Einsätzen, bei denen es auch darum ging, versprengte Wehrmachtssoldaten hinter der Front aufzugreifen und zu sammeln und wobei auch er bei einer Schießerei verwundet wurde, als Propagandist zur 8. Panfilow-Division. Das war eine Mot.-Schützen-Garde-Division,aufgestellt in Kasachstan vorwiegend aus Angehörigen asiatischer Sowjetrepubliken. Mit dieser Division, die sich in den Kämpfen um Moskau an der auch literarsch bekannt gewordenen Wolokolamsker Chaussee bewährt hatte, ging Erich Hillert bis zum 8. / 9. Mai weiter mit vor.
Nach der Kapitulation Hitlerdeutschlands und dem Ende des Krieges in Europa wurden Anfang Juni 1945 die über 100 Angehörigen der Antifaschulen der 1. und 2. Baltischen, der 1. Weißrussischen und der 1. Ukrainischen Front zusammengezogen und nach Rüdersdorf bei Berlin verlegt und auf die Aufgaben „der ersten Stunden“ vorbereitet.
Da seine Familie bereits aus den Gebieten östlich der Oder von den Behörden des „Reiches“ evakuiert wurde und nach Mecklenburg kam, erhielt Erich Hillert zusammen mit weiteren „Noch-rotarmisten“ und Zivilisten am 2. August 1945 den Auftrag, nach Schwerin zu fahren und sich – nach Abzug der Engländer am 1.Juli 1945 – den dortigen Behörden zur Verfügung zu stellen. Die meisten Antifaschisten des NKFD wurden von der Besatzungsmacht vorübergehend – meist bis zu den ersten Kommunal- und Landeswahlen Anfang 1946 – eingesetzt als Bürgermeister oder in anderen Verwaltungsfunktionen. In Rostock waren das z.B. Christoph Seitz als Oberbürgermeister, Alfred Scholz für den Polizeidienst. Andere Aufgaben für den Neuanfang wurden übernommen von Felix Scheffler, später Offizier der NVA, von Dr. Pietruschka oder auch von Pastor Erich Arendt, später langjähriger Vorsitzender der VVN in MV.
Erich Hillert hatte mitzuarbeiten beim Aufbau einer neuen nazizfreien Kriminalpolizei in Schwerin. Er wurde offiziell am 10.September 1945 aus dem Dienst in der Roten Armee und der Kriegsgefangenschaft entlassen, Er absolvierte einen Lehrgang der Landespolizeischule in Iserberg bei Grevesmühlen, 1947 einen weiteren an der Landespolizeischule Thüringen in Erfurt und arbeitete dann bis 1950 bei der Kriminalpolizei im Polizeipräsidium Schwerin, ( wo er auch seine künftige Frau Eva-Maria kennenlernte, die dort als Stenotypistin tätig war), bzw. als Leiter der Aussenstelle Ludwiglust. Nach Gründung der DDR, die er als „seinen“ Staat empfand, wurde er für Aufgaben der Sicherheit dieses Staates gebraucht, qualifizierte sich in mehrjährigem Fernstudium zum Diplomjuristen und wurde 1976 als Oberst aus dem Dienst des MfS entlassen.
In den Jahren danach arbeitete Erich Hillert im Komitee der antifaschistischen Widerstandskämpfer der Kreise Rostock Stadt und Land sowie Ribnitz-Damgarten sowie in der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft und hielt viele Jahre Vorträge über das NKFD vor jungen Rekruten der NVA und in Schulen. Letztmalig sprach er vor einigen Monaten über sein Leben vor Mitgliedern und jungen Genossinnen und Genossen der Partei „Die Linke“ in seinem Wohngebiet Rostock – Evershagen.

Eine Operation an seiner Schilddrüse überlebte er nicht. Er hinterläßt 3 Kinder, 3 Enkel uund 7 Urenkel, seine Frau ist bereits 2009 verstorben.
Für seine umfangreichen Dokumente und Unterlagen interessierte sich das deutsch – russische Museum in Berlin – Karlshorst, das – offensichtlich in Vorbereitung auf den 75 Jahrestag der Gründung des NKFD 2018 – eine Ausstellung dazu plant. Eine Schenkungsurkunde des Museums vom 10. April 2015 bestätigt die erfolgreiche Übergabe an das Museum durch Erich Hillert.
Rostock, am 25. 10. 2015

Jürgen Weise

Auszug aus einem Tatsachenbericht von Frank Schumann in der Zeitung „Junge Welt“ aus Anlaß des 35. Jahrestages der Befreiung vom Hitlerfaschismus; Berlin 1980:

Kampfgefährten des Sieges

Schweigend marschiert in einer Reihe das halbe Hundert Männer durch das Gelände. Nur das leise Scheppern  der Ausrüstung ist zu vernehmen, sonst ist kein Laut im vom Mondlicht durchfluteten Wäldchen zu hören.
Seit mehreren Tagen versucht die Gruppe – Antifaschisten der Frontschule in Chimino – über die Front zu gelangen. Aber die wandert ständig vor ihnen her: Den Schlägen der Sowjetarmee kann die faschistische Wehrmacht im Juli 1944 nur wenig mehr als die Flucht entgegensetzen.
„Pause !“ Major Bejdin, der sowjetische Betreungsoffizier, läßt halten. Er verständigt sich kurz mit den Kämpfern der 3. Belorussischen Partisanenbrigade Oswej, die inzwischen die Führung übernommen haben. Da sie sich in der Gegend auskennen, sind sie beauftragt worden, die Gruppe über die Hauptkampflinie zu schleusen. Dann wechselt der Major noch einige Worte mit den sowjetischen Hauptleuten Silberg und Batrak – beide kennen die deutschen Antifaschisten von der Frontschule – , schließlich geht er hinüber zu den Männern, die sich auf dem Waldboden hingehockt haben. Rudi Bleil ist da,Hans Scherhag, Willi Harbs und Willi Hollubek. Unweit von ihnen unterhalten sich gedämpft Heinz Szal, GünterGlaser, Walter Norwig und Erich Hillert.
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Seit Juni haben sie sich auf diesen Einsatz vorbereitet. Sie lernten, wie sie das Durcheinander des Truppenrückzuges bei der Heeresgruppe Nord verstärken könnten und wie man es anstellen muß, geschlossene Wehrmachtseinheiten durch Überzeugung – nötigenfalls auch mit Waffengewalt – zur Einstellung des sinnlosen Kampfes zu bewegen.
Sie würden dabei deutsche Uniformen tragen und ausgerüstet sein mit allen Dokumenten. Doch noch waren sie in sowjetische Uniformen gekleidet. Erst hinter der Front würde man sie samt den Rucksäcken ablegen und vergraben.
………………………..
Als der Morgen des 16. Juli 1944 heraufdämmert, sind die Männer schon längst wieder auf dem Marsch. Fast haben sie Zilupe, einen Ort 120 Kilometer westlich  von Welikije Luki erreicht … :
Eine Handgranate detoniert, noch eine, Maschinenpistolen knattern. Einige der Antifaschisten stürmen nach vorn, andere hechten zwischen die Bäume und pressen ihre Gesichter in den trockenen Waldboden. Was ist das – ist man in einen Hinterhalt geraten?
Hillert sieht, wie Major Bejdin hinüber zu Scherhag kriecht – der trägt noch, wie alle anderen die sowjetische Uniform. Scherhag nickt, nachdem der sowjetische Offizier auf ihn eingeredet hat, und beginnt zu rufen: „Hört auf zu schießen, ihr Idioten, wir sind auch Deutsche !“
Die anderen fallen ein. Auf sächsisch, schwäbisch, mecklenburgisch schreit es gegen das Kugelgeprassel an : Hört auf!“
Plötzlich herrscht Ruhe. Nur eine Stimme ist zu hören. Deutlich und vernehmbar. „Das glauben wir nicht – ihr seid Russen.“
Hillert lacht den unsichtbaren Gegner aus. Ein gequältes Lachen ist das, aber vielleicht hilft´s. „ Mensch, ich bin doch ein deutscher Möbeltischler – vielleicht hast Du zu Hause ein Bett von mir. Dir einen Sarg zu zimmern, habe ich keine Lust. Mach keinen Mist und komm her!“
Erwartungsvolle Stille dehnt die Sekunden zu Minuten. Wie wird die Entscheidung der Deutschen ausfallen?
Da! Ein Landser wird auf der Anhöhe sichtbar. Noch einer, eine ganze Gruppe schließlich.
Die deutschen Antifaschisten erheben sich. Na also. Sie gehen auf die Wehrmachtssoldaten zu. „Was seid ihr für welche?“
„Wir gehören zu einem Sicherungsbataillon. Sind neu hier und kennen uns nicht so aus.“ Und  – auf die Uniformen der anderen weisend: „ Das ist wohl unsere neue Taktik an der Front?“
„Nein, das hat andere Gründe. Wir gehören zum Nationalkommitee´Freies Deutschland´ und wollen mit euch reden.“
Sofort reißen einige ihre Waffen herunter. „Haut ab, ihr Verräter, oder wir knallen euch ab!“
Die meisten aber reagieren abwartend. So geschieht zunächst nichts.
„Ist doch Blödsinn, weiterzukämpfen“, beginnen die Antifaschisten auf die unschlüssig herumstehenden Landser einzureden. „Der Krieg ist nicht mehr zu gewinnen. Rettet euer eigenes Leben. Denkt an eure Familien, wenn euch schon Deutschlands Zukunft nicht interessiert!“
Hillert geht auf einen flachsblonden Burschen zu, der in seinem Alter ist und sichtlich zögert, als einige seiner Leute fordern, gegen die Antifaschisten vorzugehen.
„Wo kommst du her?“ –
„Aus Mecklenburg“.
„Und da willst du doch wieder hin – oder?“
„Is ja man klar, nöch!“
„Siehst du. Dann komm doch mit uns …“
Gleich Hillert und den anderen ist auch Willi Hollubek, der schon mit der Gruppe bei der 7. Lenigrader Partisanenbrigade kämpfte, an einen deutschen Soldaten herangetreten.
Der hält seine MPi in Hüfthöhe auf Hollubek gerichtet, den Finger am Abzug.
Seine Augen  flackern, im Gesicht sind Gewissenskonflikte abzulesen, die in ihm toben.
Entschlossen baut sich Hollubek vor ihm auf, blickt ihm ruhig in die Augen. Er greift mit der Linken nach dem Lauf der Maschinenpistole, will diesen beiseite drücken. „Laß gut …“
Ein langer Feuerstoß schreckt alles auf. Hollubek fällt zu Boden.
Dann ist der Teufel los. Schüsse peitschen. Es kommt zu einer heftigen Auseinandersetzung, in der schließlich die Gruppe der Antifaschisten die Oberhand gewinnt. Der Rest des Sicherungsbataillons flieht.
Auf dem Gefechtsfeld bleiben 18 Tote und 20 Verwundete zurück. Unter diesen Major Bejdin, dem einSplitter im Rücken steckt, und Walter Norwig. Und 20 Gefangene hat man genommen! Das sind 20 Kämpfer für den Faschismus weniger. 20 mal die Möglichkeit eines neuen Anfangs.
Nach einer kurzen Beratung beschließen die Antifaschisten, die Verwundeten und die Gefangenen in Sicherheit zu bringen, bevor die anderen Aufgaben erfüllt werden. …..
Erich Hillert packt eine der schnell zusammengezimmerten Tragen, doch er weiß, jede Hilfe für Willi Hollubek wird zu spät kommen.
Am anderen Tag wird Willi Hollubek im Partisanenlager mit allen militärischen Ehren bestattet.

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