8. Mai 2015 – Rede Hannelore Rabe

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Bürgerschaftspräsident W Nitsche, Hannelore Rabe, Bürgermeister R Methling

Rede zur Einweihung „ Ort des Erinnerns an die auf Rostocker Friedhöfen bestatteten Verfolgten des Naziregimes“ am 8.Mai 2015 auf dem Neuen Friedhof in Rostock (Hannelore R a b e )

Ich begrüße Sie im Namen der Basisorganisation VVN- BdA der Stadt Rostock zu einer Veranstaltung deren Ursprung 13 Jahre zurück liegt.

Damals stellte sich auf einer Mitgliederversammlung die Frage, was denn wohl geschehe, wenn die Gräber der Opfer und Verfolgten des Naziregimes, die auf Rostocker Friedhöfen bestattet sind, aufgegeben werden.
– Wenn kein Grabstein mehr erinnert, an Frauen und Männer, die den Mut hatten, gegen ein Leben unter dem Hackenkreuz auf zu treten,
– wenn kein Grabstein mehr erinnert an rassisch Verfolgte, an anders Lebende und anders Liebende, an Christen, Intellektuelle, Bürgerliche die den Nazis unbequem oder gefährlich erschienen, an körperlich und geistig Behinderte.
– wenn kein Grabstein mehr erinnert, an Männer, die in Spanien gegen
– den beginnenden Faschismus kämpften.

Deshalb wollten wir einen Gedenkort gestalten, einen Ort wo man sich auch nach Jahrzehnten an all diese Menschen erinnert.
Wir begannen zu sammeln, zu sparen und Biographien auf zu schreiben. Junge Leute, Studenten aus Rostock recherchierten. So konnte 2011 die Broschüre „Gedenkstätten für Opfer und Verfolgte des Naziregimes auf dem Neuen Friedhof in Rostock“ erscheinen. Und heute können wir den Repräsentanten der Hansestadt Rostock das zweite Heft mit dem Titel „Wir erinnern an die auf Rostocker Friedhöfen bestatteten Verfolgten des Naziregimes“ übergeben.

Während der Recherchen und der vielen Diskussionen fiel uns auf:
– Die meisten der Verfolgten, die in Zuchthäusern, Straf – und Konzentrationslagern brutal behandelt und ihrer Menschenwürde beraubt wurden,
– die im Exil, der Illegalität oder in Verstecken gelitten, aber überlebt haben, hatten eines gemeinsam:
Sie gehörten zu den ersten, die nach der Befreiung vom Faschismus sofort mit der Beseitigung der Trümmer auch in Rostock begannen, die sich mit verantwortlich fühlten für einen Neuanfang.
Macht man sich die Mühe und ist man bereit über die Ereignisse in Rostock ab Mai 1945 nach zu lesen, die noch unverfälschte Geschichte unserer Stadt mit den genannten Biographien zu vergleichen, so findet man viele dieser Namen.
Und noch etwas fiel uns auf:
– Was ist mit denen, die ihre Existenz, ihre Sicherheit, ihr Leben aufs Spiel setzten? Sie versteckten zum Beispiel jüdische Familien, behinderte Kinder. Sie steckten Kriegsgefangenen, Zwangsarbeitern und Illegalen heimlich Brot, Zigaretten und Briefe zu, sie hörten BBC und andere Sender und gaben Nachrichten weiter.

– Was ist mit den Christen, die christlich handelten. Sie halfen Verzweifelten, Schwachen, Kranken und Entwurzelten mit dem Glauben an eine Zukunft zu überleben.
Deren Gräber liegen unter den Rhododendren-Büschen, deren Biographien sind uns nicht bekannt, aber sind sie nicht auch Opfer der faschistischen Herrschaft?
Wo wird in Zukunft ihrer gedacht?

Und was ist mit den Bombenopfern, den Flüchtlingen, Umgesiedelten, Vertriebenen? Was ist mit den Rostockern, die als Soldaten voller Idealismus und Hurra in den Krieg zogen, um voller Tatendrang, mit hochentwickelten Produkten der deutschen Rüstungsindustrie Volk und Raum zu erobern, die traumatisiert oder gar nicht zurückkamen? Auch sie sind letztlich Opfer des Faschismus.

Deshalb wollten wir einen Ort des Erinnerns, des Nachdenkens über diesen Teil der Geschichte unserer Stadt. Wir hatten Ideen, Vorstellungen, Pläne wie und wo auf dem Neuen Friedhof ein solcher Ort entstehen sollte.
Um den Standort wurde monatelang kontrovers diskutiert. Der Leiter des Amtes und Mitarbeiter der Friedhofsverwaltung brachten in dieser Zeit viel Geduld und Verständnis auf. Dafür danken wir ihnen.
Der Bildhauer Wolfgang Friedrich schuf die Bronzeplatte für die nach 1945 an authentischen Orten bestatteten Opfer und Verfolgte.
Es wurde entschieden, dass ihrer auf diesem Gräberfeld gedacht wird.
Hier auf diesem Gelände, an der berüchtigten Friedhofsmauer „entledigte“ sich die NS- geführte Rostocker Stadtverwaltung ab 1941 der umgekommenen und getöteten Zwangsarbeiter, der KZ- Häftlinge, der Kriegsgefangenen und der „Fremdrassischen“.
Wenn es gelingt, den hier so verscharrten Menschen Ehre und Würde zu geben, dann war es eine gute Entscheidung.
Stellvertretend für alle uns nicht bekannten und ungenannten Opfer und Verfolgte des deutschen Faschismus, die in Rostock lebten und hier bestattet sind, übergeben wir der Stadt mit diesen beiden Heften ein Stück Rostocker Geschichte.

Ich danke Ihnen.

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